Die Bewertungen der Südtiroler landwirtschaftlichen Genossenschaften zur Ertragslage im Jahr 2020 sind sehr heterogen: Den Schwierigkeiten der Kellereien und der Sennereien steht die Zufriedenheit des Obstsektors gegenüber. Die Erwartungen für 2021 sind eher bescheiden, vor allem wegen des Rückgangs der Apfelproduktion und der ungewissen Preisentwicklung im Milchsektor. Dies ergibt sich aus der Herbstausgabe des Wirtschaftsbarometers des WIFO – Institut für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen.



Trotz der Erholung des Absatzes in den Sommermonaten wird 2020 kein gutes Jahr für den Südtiroler Weinsektor sein. Alle Kellereien berichten von einem deutlichen Rückgang des Geschäftsvolumens, insbesondere auf dem Südtiroler sowie dem italienischen Markt und fast ein Fünftel meldet eine schlechte Ertragslage. Der Umsatzverlust im Vergleich zum vergangenen Jahr liegt durchschnittlich bei etwa 30 Prozent. Die Investitionen haben heuer abgenommen und die Kellereien klagen über die Verschlechterung der Zahlungsmoral der Kunden. Hinzu kommt, dass die Wiedereinführung restriktiver Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Epidemie das Weihnachtsgeschäft ernsthaft in Mitleidenschaft ziehen wird.

Die Ernte 2020 war durch einen geplanten Produktionsrückgang von etwa 10 bis 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gekennzeichnet. Dies ist auf die Entscheidung zurückzuführen, den Ertrag der Weinberge zu reduzieren, um die Preise zu stützen. Die Qualität wird hingegen von den Kellermeistern auf dem Niveau der letzten Jahre beurteilt, trotz der oft schwierigen Witterungsbedingungen. Für 2021 wird eine Besserung der Ertragslage erwartet, allerdings auf bescheidenem Niveau: Zehn Prozent der Kellereien rechnen weiterhin mit einem unbefriedigenden Betriebsergebnis.



Der Milchsektor konnte im Sommer die Umsätze wieder steigern, für die meisten Sennereien und Molkereien wird das Geschäftsvolumen aber heuer niedriger ausfallen als im vergangenen Jahr, insbesondere was die Exporte betrifft. Trotz der sich verschlechternden Marktbedingungen hat sich die Investitionstätigkeit fortgesetzt und die Ertragslage im Jahr 2020 wird in den meisten Fällen als „befriedigend“ – wenn auch nur selten als „gut“ – angesehen.

Die Erwartungen für das kommende Jahr sind von zunehmender Ungewissheit geprägt. Insbesondere gehen die Sennereien von einem Rückgang der Verkaufspreise und einer starken Abnahme der Investitionen aus, sind aber zuversichtlich, dass sie auch 2021 eine zufriedenstellende Ertragslage erreichen werden.

Im Obstsektor wird die heuer erzielte Rentabilität von allen Genossenschaften als zufriedenstellend angesehen. Die Vermarktungssaison der letztjährigen Ernte wurde erfolgreich abgeschlossen und die Marktpreise zeigten eine günstige Entwicklung. Die an die Bauern entrichteten Auszahlungspreise werden von den Genossenschaften als „zufriedenstellend“, oft sogar als „gut“ angesehen.

Die Prognosen für das kommende Jahr sind teilweise verhaltener. Jüngsten Schätzungen zufolge wird die Apfelproduktion 2020 in Europa in etwa der letztjährigen Ernte von rund 10,7 Millionen Tonnen entsprechen. In Südtirol wird – auch aufgrund der Unwetterschäden im Herbst – mit einer Produktion von knapp 913.000 Tonnen gerechnet, was einem Rückgang von rund sieben Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr entspricht. Dies könnte 2021 zu einer leichten Verringerung des Gesamtumsatzes führen, sofern sich die Verkaufspreise nicht wesentlich ändern. Die Rentabilität wird dementsprechend teilweise sinken, aber die Genossenschaften glauben, dass sie den Bauern weiterhin zufriedenstellende Auszahlungspreise gewährleisten können.

Der Präsident der Handelskammer, Michl Ebner, unterstreicht den Wettbewerbsvorteil der Südtiroler Landwirtschaft im Hinblick auf die neue Periode der europäischen Agrarpolitik: „Südtirol, mit seiner Berglandwirtschaft und der steigenden Aufmerksamkeit für den biologischen Obstbau, ist heute europaweit Vorbild. Es ist wichtig, dass die Weitsicht unserer Landwirte durch das neue europäische Finanzierungssystem für die Landwirtschaft belohnt wird.“