Trotz der fortschreitenden Lockerung der Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung erwartet fast die Hälfte der Südtiroler Unternehmen heuer eine schlechte Ertragslage. Umsätze, Investitionen und Personaleinstellungen sind stark rückläufig. Dies ergibt sich aus der Sommerausgabe des Wirtschaftsbarometers des WIFO — Institut für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen.

Südtiroler Wirtschaft – Schwarze Prognosen für das Jahr 2020




Die Erwartungen der Südtiroler Unternehmerinnen und Unternehmer für das laufende Jahr bestätigen den Ernst der Lage. In etwa die Hälfte von ihnen klagt über eine unbefriedigende Rentabilität. Die größten Schwierigkeiten meldet nach wie vor der Tourismussektor, wobei mehr als drei Viertel der Betreiber/innen die Rentabilität negativ beurteilen. Erhebliche Probleme gibt es aber auch im Transportwesen und in verschiedenen Branchen des Groß- und des Einzelhandels.



Die befragten Unternehmen weisen auf einen dramatischen Umsatzeinbruch hin: Nachdem die Südtiroler Wirtschaft im März rund ein Drittel ihres Umsatzes verloren hatte, erreichte der Verlust im April 41 Prozent und im Mai, nach der Lockerung der Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung, 29 Prozent. Allerdings ist die Situation zwischen den verschiedenen Sektoren sehr heterogen. Im Tourismussektor betrug der Umsatzrückgang im Mai mehr als 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch der Personenverkehrssektor war mit einem Verlust von 54 Prozent stark von der Krise betroffen. Erhebliche Schwierigkeiten gibt es auch bei den Kellereien und in verschiedenen Branchen des Handels und des Verarbeitenden Gewerbes. Lediglich die Obstgenossenschaften und die Supermärkte melden einen Anstieg des Geschäftsvolumens. Drei Viertel der Südtiroler Unternehmen glauben nicht, dass sie die massiven Rückgänge bis zum Jahresende aufholen können, zumal auch im Juni über 60 Prozent der Unternehmen eine geringere Nachfrage als vor der Krise verzeichneten. Die Preissteigerungen werden heuer äußerst begrenzt sein und werden somit kaum zur Umsatzentwicklung beitragen. Die Unternehmen klagen darüber hinaus über eine Zunahme der Betriebskosten, die zum Teil auf die Änderungen der Betriebsorganisation und auf die Sicherheitsmaßnahmen zur Begrenzung der Pandemie (Anpassung der Betriebslokale, Anschaffung von persönlicher Schutzausrüstung für Kund/innen und Mitarbeiter/innen, verstärkte Verwendung von Verpackungen für Produkte, Kosten für die Desinfizierung der Räumlichkeiten usw.) zurückzuführen ist.

Besonders besorgniserregend ist für die Unternehmen der Mangel an Liquidität. Dies ist auf den Umsatzeinbruch, aber auch auf die stark verschlechterte Zahlungsmoral der Kund/innen zurückzuführen. Über ein Viertel der befragten Unternehmer/innen berichtet auch von erschwerten Bedingungen für den Zugang zu Krediten, trotz der Unterstützungsmaßnahmen von Staat und Land und des Engagements der Kreditinstitute, die einen starken Anstieg der Kreditvergabe melden.

Schließlich hat auch in Südtirol die hohe Unsicherheit zu einem Rückgang der Investitionen geführt, die von den meisten Unternehmen gekürzt wurden. Ähnliches gilt für die Personaleinstellungen: Im Juni gab es in Südtirol rund 16.000 Beschäftigte weniger als im Vorjahresmonat, was eine Abnahme von 7,5 Prozent entspricht. Im Tourismussektor beträgt der Rückgang sogar 45 Prozent.



Auf der Grundlage der derzeit verfügbaren Informationen schätzt das WIFO, dass das Südtiroler BIP im Jahr 2020 um 7 bis 11 Prozent schrumpfen wird.

Covid-19 schwächt weiterhin die internationale Wirtschaft


Die Coronavirus-Pandemie verursacht weltweit einen schweren wirtschaftlichen Abschwung. Die Mobilitätseinschränkungen und die Auferlegung sozialer Distanzierung haben zum Zusammenbruch des Konsums und zu langen Unterbrechungen der Tätigkeit vieler Unternehmen geführt. Dies führte auch zu einem abrupten Rückgang des internationalen Handels (-11,3 Prozent bereits im ersten Quartal 2020). Darüber hinaus sind die Investitionen stark gesunken, sei es aufgrund der schwachen Nachfrage und der Verschlechterung der Liquiditätslage der Unternehmen, sei es auch, weil die zukünftige Entwicklung der Coronavirus-Pandemie weiterhin eine große Unsicherheitsquelle darstellt: Die Infektionen nehmen in vielen Teilen der Welt weiter zu und es wird eine zweite Epidemiewelle in Europa befürchtet. Die Geldpolitik hat dazu beigetragen, die finanziellen Spannungen zu begrenzen und die notwendige Liquidität für das Bankensystem sicherzustellen. Gleichzeitig haben die in den verschiedenen Ländern eingeleiteten wirtschaftlichen Stützungsmaßnahmen die negativen Auswirkungen der Krise etwas abgemildert, vor allem was die Beschäftigung betrifft. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert jedoch für das laufende Jahr einen Rückgang des weltweiten Bruttoinlandsprodukts um 4,9 Prozent. Für die Eurozone schätzt die Europäische Kommission sogar eine Abnahme um 8,7 Prozent. Es wird erwartet, dass sich die internationale Wirtschaftslage 2021 zum Teil verbessern wird, die Prognosen über das Ausmaß dieser Erholung wurden aber in den letzten Monaten aufgrund des anhaltenden Sanitätsnotstands nach und nach verhaltener.

Italienische Wirtschaft – Aussichten bleiben negativ

Nachdem das italienische BIP im ersten Quartal um 5,3 Prozent gesunken ist, erwarten die jüngsten Schätzungen von Bankitalia einen noch stärkeren Rückgang im zweiten Quartal, um ca. 10 Prozent. Für das Gesamtjahr 2020 prognostiziert die Europäische Kommission einen Rückgang von 11,2 Prozent, der über dem Durchschnitt der Eurozone liegt. Dies ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, darunter die besonders strengen Einschränkungsmaßnahmen, die zur Bekämpfung des Gesundheitsnotstands ergriffen wurden, die begrenzten fiskalpolitischen Handlungsspielräume des Staates und die hohe Bedeutung des internationalen Handels und der angeschlagenen Tourismusbranche für die italienische Wirtschaft. Die Maßnahmen zur Unterstützung der Arbeitnehmer/innen milderten zunächst die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt. Zwischen März und Mai ging aber die Zahl der Erwerbstätigen im Vergleich zum Vorquartal um 1,6 Prozent zurück, während die Zahl der Nichterwerbspersonen um 6,6 Prozent stieg. Was die staatliche Verschuldung betrifft, so werden die schwere Rezession und die Ausgaben für die Unterstützung der Wirtschaft zu einem deutlichen Anstieg der Schuldenquote auf 158,9 Prozent des BIP führen, kurzfristig werden aber die massiven Käufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank erheblich zur Finanzstabilität beitragen. Einen Beitrag zu den Reformen und zur Wiederbelebung der Investitionen könnten die Instrumente leisten, die derzeit auf europäischer Ebene diskutiert werden, darunter der Fonds „Next Generation EU“, von dem Italien mit rund 150 Milliarden Euro profitieren würde. Allerdings bleiben die Aussichten auf einen kurzfristigen Aufschwung schwach: Laut der Europäischen Kommission wird das italienische BIP im Jahr 2021 mit +6,1 Prozent nur teilweise aufholen, mit einem Gesamtverlust im Zweijahreszeitraum 2020-21 von -5,8 Prozent.

Der Präsident der Handelskammer, Michl Ebner, betont die Notwendigkeit, die auf EU-Ebene zur Verfügung gestellten Instrumente zu nutzen: „Die Europäische Union hat bereits mehrere Maßnahmen eingeführt, um gezielte Interventionen der Mitgliedstaaten im Coronavirus-Notfall zu unterstützen. Angesichts der schwierigen Finanzlage in Italien wäre es angebracht, jede Gelegenheit zu nutzen, auch den Europäischen Stabilitätsmechanismus, der nicht mehr mit erheblichen Auflagen belastet ist.“